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LAUDATIO FÜR ERNST PAUL DÖRFLER

zur Verleihung des Erwin-Strittmatter-Preises des Landes Brandenburg

am 5. Dezember 2002 in Potsdam

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

heute sitzt Ernst Paul Dörfler auf einem Ehrenplatz. Oft genug hat er am Pranger gestanden - angeklagt der Anstiftung zur Natürlichkeit. Denn Ernst Paul Dörfler ist ein gefährlicher Mensch: ein Verführer - wer einmal das Glitzern in seinen Augen gesehen hat, weiß, wovon ich rede; ein Tribun - wer einmal die Suggestivkraft seiner Worte erlebt hat, kann sich ihnen nicht mehr entziehen; ein Schwärmer - wer einmal die Leidenschaft in seinem Engagement gespürt hat, wird mitgerissen ohne Wenn und Aber. So lieben ihn seine Freunde und Wegbegleiter; so fürchten ihn seine Gegner, die nichts unversucht lassen, ihn in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Die Verleihung des Strittmatterpreises durch das Land Brandenburg gibt ihm heute öffentlich Recht, so wie die Elbeflut seinem Kampf um die Bewahrung des Flusses Recht gegeben hat und die EU-Klage gegen Deutschland seiner Kritik an der deutschen Flußbaupolitik.

Ich bin Ernst Paul Dörfler nur einmal begegnet: an der Elbe. Da allerdings immer wieder, aber nur in diesem einen Zusammenhang. Und das reicht, um jetzt gern über ihn zu sprechen. Ich weiß nichts anderes von ihm. Ich habe keine Recherchen angestellt. Es gibt eine Kraft des Augenblicks, die eine Begegnung vollgültig macht. Mehr muß man nicht wissen, als daß es solch einen Menschen gibt. Eva Strittmatter schreibt in einem Gedicht (ich weiß, ich müßte Erwin zitieren, aber es bleibt ja in der Familie):

Manchmal trifft man einen, der ist wie ein Licht.
Und man trifft ihn nicht zweimal im Leben.
Und man weiß: Nur einmal dieses Gesicht .
Das wir nur einmal gesehen,
Verwandelt in Wärme und Licht.
Und das hilft uns die Nacht überstehen.

Das klingt ein bißchen wie eine Liebeserklärung. Mag es ruhig. Ich möchte von einer anderen Liebeserklärung sprechen.

Ernst Paul Dörfler hat sich leidenschaftlich verliebt - in die Elbe. Er hat den Fluß nicht nur im Kopf, wie eine deutsche Tageszeitung titelte. Er hat den Fluß im Herzen, in der Aktentasche, im Fotoapparat, im Argumentationsspeicher. Er ist an der Elbe geboren, hat in der Elbe schwimmen gelernt, lebt an der Elbe, arbeitet für die Elbe. Und nur weil die Elbe solche leidenschaftlichen  Liebhaber hat, konnten wir jetzt trotz aller schon getroffenen Entscheidungen, aller eingestellten Gelder, aller verkippten Steine erreichen, daß die Elbe als letzter naturnaher Strom in Deutschland erhalten bleibt, der Domfelsen in Magdeburg nicht abgetragen wird und die einmaligen Auenwälder an der Elbe nicht austrocknen.

Meine Damen und Herren, man kann einen Fluß als vieles ansehen: als Kloake, als Abwasserkanal, als Wasserstraße, als Lebensader oder als Tourismuskapital. Ernst Paul Dörfler sieht in der Elbe ein Wunder. "Wunder der Elbe" heißt seine literarische Liebeserklärung an diesen Fluß. Wer glaubt denn heute noch an Wunder? Wir Christen vielleicht. Deswegen gelten wir ja auch als ein bißchen einfältig. Ich weiß nicht einmal so ganz genau, ob Ernst Paul Dörfler Christ ist oder nur ein ,Sympathisant christlichen Gedankentums'. Aber der Glaube an Wunder hat uns verbündet. Der Glaube, daß Zivilcourage und Bürgerinitiative stark genug sind, um Millionengelder nicht in den Sand zu setzen; der Glaube, daß es nicht nur eine Kompetenz der Fachleute und Behörden gibt, sondern auch eine Kompetenz der Betroffenheit; der Glaube, daß ein Fluß und ein Felsen ein Teil der Schöpfung sind, die des Menschen nicht bedürfen, wohl aber der Mensch ihrer. Menschen wie Ernst Paul Dörfler haben Augen, die Wunder der Schöpfung zu sehen. Augen, die nicht danach fragen, was man aus diesen Wundern für ein Kapital schlagen kann, sondern die ihre Würde und Schönheit um ihrer selbst willen bewahren. Menschen wie Ernst Paul Dörfler begreifen, was ,Wunder' eigentlich heißt: daß nichts in der Schöpfung selbstverständlich ist, daß alles Geschenk ist - unverdient vom Menschen und für den Menschen, der so oft vergessen hat, daß der biblische Schöpfungsauftrag "Macht euch die Erde untertan" (Genesis 1,28) in Wahrheit heißt, daß er sie "bebaute und bewahrte" (Genesis 2,15), also sie nicht anders zu nutzen als sie dabei gleichzeitig zu schützen.

Und so ist Ernst Paul Dörfler losgegangen, die Elbe vor den Bebauern, den Verbauern zu bewahren, weil er den Beteuerungen, es ginge doch beides - wirtschaftlich nutzen und ökologisch schützen - auf den Grund gegangen ist. Und so wenig die Heide in Sachsen-Anhalt am besten ökologisch geschützt ist, wenn die Bundeswehr sie nutzt (als größten deutschen Truppenübungsplatz), so wenig sind die Strände und die Fauna und die Auenwälder geschützt, wenn die Elbe Europaschiff-gerecht gemacht wird - geschottert, begradigt, eingeschnürt, vertieft und gestaut. Die Nutzung muß dem Fluß angepaßt werden und nicht der Fluß der Nutzung.

Als Publizist hat Ernst Paul Dörfler dafür Bücher geschrieben, allen voran "Wunder der Elbe", schlagkräftige Aufrufe herausgebracht: "Die Elbe darf nicht gesteinigt werden", "Wir halten am Domfelsen fest", unzählige Zeitungsartikel geschrieben und Interviews gegeben, und seinen Freunden eine Flut von E-Mails geschickt, deren poetische Unterschriften "mit Elbegrüßen", "mit Frühlingsgrüßen", "mit Wassergrüßen" wirklich unter Liebesbriefe geschrieben worden sind.

Als Aktionist hat Ernst Paul Dörfler mit tausenden in der Elbe gebadet, Bagger an der Elbe besetzt, den Domfelsen in Magdeburg besetzt, mit Plakaten vor Politikern demonstriert, Elbesteine in Ministerien versandt und bei der Jahrhundertflut auf den Deichen gegen seinen geliebten Strom gekämpft.

Als Argumentierender hat  Ernst Paul Dörfler immer die einfachen Fakten und Wahrheiten gegen die aus dem Gesamtzusammenhang gelösten Detailrechtfertigungen gesetzt. Und er hat die offiziellen Zahlen und Statistiken der Behörden in Beziehung gesetzt zu ihren Behauptungen und Prognosen. Das ist sein großer Verdienst: die Fakten gegen die Behauptungen zu setzen. Und mit einer großen Geduld und Gutmütigkeit hat er Ministern und Schiffahrtsämtern und Interessenvereinen immer wieder die eigenen Zahlen vor Augen gehalten, selbst wenn er von ihnen dafür beschimpft und beleidigt wurde.

Als einer, der rastlos unterwegs ist - mit dem Fahrrad, mit der Bahn, mit dem Schlauchboot - hat Ernst Paul Dörfler Menschen aufgesucht und in Bewegung gebracht, hat Bürgerinitiativen angeregt, Interessen vernetzt, Betroffene und solche, die betroffen sein sollten, an den Fluß gebracht: Politiker, Prominente, Petitionsausschüsse, Wahlkämpfer - und der Fluß selber mit seiner Schönheit und Kraft war ein elementares Argument.

Als Fotograf hat Ernst Paul Dörfler seine Wahrnehmungen und Sichtweisen an andere Menschen weitergegeben, in Lichtbildervorträgen und Publikationen, seine Sicht der Wirklichkeit, seine Erkenntnisse des Wunderbaren: die Sicht eines Liebenden.

Und als Mensch hat Ernst Paul Dörfler eine große Aufmerksamkeit an den Tag gelegt für die Möglichkeiten und Sehnsüchte anderer. Er war es, der immer wieder Dank und Lob und Ermutigung ausgesprochen hat, Antennen für seine Umgebung hatte, ein inspirierender Lehrer war und immer wieder Menschen ansteckte mit seinen unkonventionellen Ideen, Dinge anders zu machen und Probleme anders zu lösen.

Er konnte auch leiden, fast verzagen an Unsachlichkeit, Plumpheit, Polemik, Mißverstandenwerden; an Zeitungsartikeln, die nur auf Effekte aus waren, an Fernsehsendungen, die ihm keine Redezeit einräumten. Aber sein Glaube an Wunder, sein Glaube an Einsicht, sein Glaube an die Überzeugungskraft der Dinge, für die er sich einsetzte, haben ihm seinen unverwüstlichen Optimismus immer wieder zurückgegeben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Menschen wie Ernst Paul Dörfler sind keine Heiligen. Aber sie sind im tiefsten Sinne des Wortes Menschen, liebende, leidenschaftliche, unüberwindliche Menschen, "die uns helfen die Nacht überstehen". In der Nachwendezeit sind es solche Menschen, die uns Ostdeutschen und Westdeutschen den Glauben an Zivilcourage, Überzeugungskraft, Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit wieder zurückgeben. Denn es geht Ernst Paul Dörfler nicht um sich. Es geht ihm um den Lebensraum des Menschen, der bewahrt werden muß, damit wir Menschen bleiben können. Recht geben ihm all die Dinge, die größer sind als er: der Literaturpreis eines Landes, der Ausbaustopp einer Regierung, die Umweltklage einer Europäischen Union und die verheerende Jahrhundertflut seiner geliebten Elbe. Recht gibt ihm unser beunruhigtes Gewissen, das schon jetzt mehr begriffen hat als unsere Hände tun. Recht gibt ihm einstmals ein Fluß, der für ihn Zeugnis ablegen wird, wenn keine Preise mehr verliehen und andere Bücher aufgeschlagen werden, und wir vor unserem Schöpfer stehen und Rechenschaft ablegen müssen für unser Lassen und Tun.

Giselher Quast
Domprediger zu Magdeburg